Eine Stadtvilla im Wandel der Zeit

Ein behutsamer Anbau zwischen Geschichte und Gegenwart

1950, fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, entstand die Stadtvilla, um die sich diese Homestory dreht. Es war eine Zeit des Aufbruchs – geprägt vom Wiederaufbau und der Sehnsucht nach Normalität. Auch in Aschaffenburg entstand in diesen Jahren Wohnkultur: hell, funktional und optimistisch. Die Villa ist ein Produkt dieses Moments – großzügig, modern für ihre Zeit und getragen von dem Geist des beginnenden Wirtschaftswunders.
Über 75 Jahre später hat das Haus nichts von seinem Charme verloren. Die sanierten Räume strahlen noch immer eine besondere Atmosphäre aus, die den Charakter der 1950er Jahre bewahrt. Und doch stellte sich im Alltag meiner Bauherren heraus: Die Küche ist zu klein – der Wunsch nach mehr Großzügigkeit und einer stärkeren Verbindung zum Garten wurde immer deutlicher.


Die Aufgabe: Weiterbauen im richtigen Maß
Der Wunsch nach Erweiterung war klar – aber ebenso klar war die Haltung zum Bestand: Der neue Eingriff sollte die Qualitäten der Villa nicht überlagern, sondern ergänzen. Ziel war es, die Architektur respektvoll weiterzudenken.
Im Zentrum der Planung stand daher die Frage: Wie kann ein Anbau entstehen, der eigenständig ist, ohne sich in den Vordergrund zu drängen?




Material als verbindendes Element
Über Material- und Farbcollagen näherte sich der Entwurf Schritt für Schritt dem Bestand an. Schnell wurde deutlich: Nicht eine formale Anpassung, sondern die Übersetzung von Materialität und Farbe schafft die gewünschte Verbindung.
Die Entscheidung fiel auf einen klaren, modernen Kubus. In seiner Geometrie bewusst reduziert, nimmt er sich dennoch zurück, indem er die Farbigkeit der Villa aufgreift.
Für die Fassade wurde ein maschinenscharrierter Muschelkalk gewählt – ein Naturstein, der in seiner ruhigen Textur hervorragend mit dem bestehenden Außenputz harmoniert. Ergänzt wird das Materialkonzept durch Sandstein und Holz, die sich selbstverständlich in die Umgebung einfügen und dem Anbau eine warme, wohnliche Ausstrahlung verleihen.

Innenraum und Blickbeziehungen
Ein zentrales Entwurfsthema war die Ausrichtung des Innenraums. Die Küche als neuer Lebensmittelpunkt sollte sich zum Garten hin öffnen.
Um diese Blickbeziehung zu stärken, wurde auf ein straßenseitiges Fenster im Anbau verzichtet. Diese gezielte Reduktion erfüllt gleich mehrere Funktionen: Sie bündelt die Aufmerksamkeit nach außen in den Garten, schafft zusätzliche Stauraumflächen in der Küche und verleiht dem Raum eine klare Orientierung.
Der Übergang zwischen Innen und Außen wird so nicht nur funktional, sondern auch atmosphärisch erlebbar – die Sitzecke in der Küche wird zum ruhigen Ort mit direktem Bezug ins Grüne

Ein neuer Teil, der dazugehört
Der fertige Anbau fügt sich selbstverständlich an die bestehende Villa an, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren. Er erzählt von der Gegenwart, während er gleichzeitig den Geist der Vergangenheit respektiert.
So entsteht ein Haus, das über Generationen hinweg wächst – und genau darin seine besondere Qualität entfaltet:
als lebendiger Ort, der Geschichte bewahrt und zugleich Raum für neue Lebensentwürfe schafft.
